
Täterforschung verstehen – Prävention stärken:
Vorstellung erster Ergebnisse auf dem „Freiheitskongress 2026“
Vom 26.-29. April fand der Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ in Schönblick, Schwäbisch Gmünd statt. Über vierhundert Teilnehmende aus verschiedensten Professionen versammelten sich, um mehr über das Thema zu lernen, sich auszutauschen und Lösungsansätze zu entwickeln.
Wir freuen uns sehr, dass unsere Vorständin Heike Menzel-Kötz auf dem Kongress Erkenntnisse aus ihrem laufenden Promotionsprojekt vorstellen konnte. Darin untersucht sie Täterstrategien im Bereich Menschenhandel, Zwangsprostitution und der sogenannten Loverboy-Methode. Im Zentrum ihrer Forschung steht eine wichtige Frage: Wie gelingt es Tätern, Frauen in Ausbeutung zu bringen, sie dort zu halten und ihre eigene Verantwortung zu rechtfertigen? Grundlage dafür sind 24 Interviews, die im Rahmen des EU-Projekts VANGUARD unter Federführung von Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. in 14 Justizvollzugsanstalten geführt wurden, sowie drei weitere Interviews nach der Haftentlassung. Die befragten Männer waren unter anderem wegen Menschenhandel, Zwangsprostitution und Zuhälterei verurteilt worden.
Die Interviews mit den verurteilten Tätern zeigen, dass Ausbeutung häufig nicht mit sichtbarer Gewalt beginnt. Oft entsteht sie über Nähe, Bindung, Versprechungen und scheinbare Fürsorge. Erst nach und nach werden daraus Abhängigkeit, Kontrolle und Angst.
Eine zentrale Erkenntnis ist: Wenn Täter sagen, eine Frau sei „freiwillig“ bei ihnen geblieben, beschreibt das nicht automatisch die Wirklichkeit der Betroffenen. Es zeigt vielmehr, wie Täter ihr eigenes Handeln rechtfertigen. Für die Unterstützung von Betroffenen ist das entscheidend. Denn wer nur fragt, warum eine Frau nicht gegangen ist, übersieht leicht die Mechanismen, die Täter gezielt aufgebaut haben. Die Forschung macht außerdem sichtbar, dass Geld häufig als Machtmittel eingesetzt wird. Frauen erwirtschaften Einnahmen, bleiben aber zugleich abhängig, verschuldet oder kontrolliert. Auch Dritte im Umfeld können von der Ausbeutung profitieren. Menschenhandel ist deshalb nicht nur eine einzelne Gewalttat, sondern ein System von Beziehungsmacht, finanzieller Kontrolle und verschobener Verantwortung.
Für Blickfeld Menschenhandel ist diese Forschung besonders dort wichtig, wo sie Prävention stärkt. Unser Präventionsprogramm „Liebe ohne Zwang“ setzt genau hier an: Jugendliche sollen manipulative Beziehungsmuster früh erkennen können. Gleichzeitig geht es auch um die Frage, wie Jungen gestärkt werden können, gesunde Beziehungen zu leben, Grenzen zu achten und Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. Beim Kongress lag der Schwerpunkt von Heike Menzel-Kötz zunächst auf den Täterstrategien und ihrer Bedeutung für Beratung, Öffentlichkeit und Strafverfolgung. In naher Zukunft werden wir bei Blickfeld Menschenhandel noch vertiefter auf den Präventionsteil eingehen und die Ergebnisse der Forschung nutzen, um auch unser Programm weiter auszubauen: Welche Schutzfaktoren brauchen Jugendliche? Und was hilft, damit Jungen gar nicht erst zu Tätern werden?



